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23. November 2023
Redaktion
Gehwol Diabetes Report 2023

Mehr Daten, mehr Erkenntnisse

Menschen mit Diabetes steht inzwischen ein ganzes Netz an Versorgungsangeboten zur Verfügung, um die Erkrankung und ihre Begleiterscheinungen zu behandeln. Dennoch zeigt sich immer noch, dass ein Drittel der in Behandlung befindlichen Diabetespatient*innen ein hohes Risiko trägt, an einem Diabetischen Fußsyndrom zu erkranken. Der aktuelle Gehwol Diabetes-Report, der erstmals nun auch die Einschätzungen von 500 Diabetespatient*innen enthält, zeigt die Herausforderungen auf.
Foto: memorisz/Adobe Stock

Noch immer finden etwa 70 Prozent aller Amputationen bei Diabetikern statt. Immerhin: 5 von 6 Diabetes-Patienten wissen eigenen Angaben zufolge von der Erkrankung und sind vorgewarnt. Doch zwischen Selbst- und Ärzteeinschätzung klafft offenbar eine Lücke. Denn die befragte Ärzteschaft, zu der neben Hausärzten auch Diabetologen und Endokrinologen gehören, gibt indes an, dass im Schnitt immerhin 4 von 10 Patienten ihren Füßen keine besondere Beachtung schenken.

Diese und weitere Erkenntnisse zu Untersuchungsmaßnahmen und Disease Awareness sind dem diesjährigen Gehwol Diabetes-Report zu entnehmen. Anders als die vergangenen Reports, die ausschließlich die Sichtweise der Ärzte widerspiegelten, enthält er nun auch die Einschätzungen von 500 Diabetespatienten.

Vielfältige Begleitbefunde

Demnach beobachten die Ärzte bei ihren Patient*innen regelmäßig eine große Bandbreite an Beschwerden. Hierzu zählen Neuropathie, mangelnde Hautdurchblutung, trockene Haut und eine Druckfehlbelastung der Füße. All diese Befunde stellen begünstigende Faktoren für schwerwiegende Nervenerkrankungen, wie zum Beispiel den Diabetischen Fuß dar, der nach wie vor für einen Großteil der jährlichen Amputationen verantwortlich ist. Um schwerwiegende Begleiterkrankungen frühzeitig vorzubeugen, bedarf es regelmäßiger Untersuchungen sowie Sensibilisierung für die Diabeteserkrankung auf Seiten der Patienten. Hier äußern die befragten Ärztinnen und Ärzte, dass lediglich 60 Prozent der Patienten wissen, dass sie auf ihre Füße achten müssen. Jeder Vierte nimmt seltener als einmal im Jahr die empfohlenen Kontrolluntersuchungen in Anspruch. Das ist insofern bemerkenswert, da immerhin 94 Prozent der Patiente*innen angeben, sie wüssten, dass eine Diabeteserkrankung auch zu Fußfolgekomplikationen führen kann. 61 Prozent haben Angst davor, dass sich der Zustand der eigenen Fußgesundheit verschlechtert.

Grafik: Eduard Gerlach GmbH

Untersuchungsmaßnahmen weiter umfangreich

Im Rahmen eines Disease Management Programms (DMP) ist eine eingehende Untersuchung des Fußes vollumfänglich vorgesehen. Diese wird aber von den Fachgesellschaften generell für jede ärztliche Untersuchung empfohlen. Dem Arzt oder der Ärztin steht hierfür eine große Palette an Maßnahmen zur Verfügung. Auch hierzu gibt der Diabetes-Report Auskunft. Zu den ärztlichen Untersuchungen gehören neben der allgemeinen Anamnese das Messen der Hauttemperatur, das Prüfen der Schuhe oder die Palpation der Fußpulse. Bleiben Fußpulse aus, gilt dies als ein Warnzeichen für den Diabetischen Fuß. Beruhigend: Sind Fußpulse nicht tastbar, führen alle Ärzt*innen eine Anschlussdiagnostik durch oder überweisen direkt zum Spezialisten. 84 Prozent tun dies zumindest teilweise sogar, wenn die Fußpulse tastbar sind. Fast alle zur Verfügung stehenden Untersuchungsmaßnahmen werden von der überwältigenden Mehrheit der Ärzt*innen befürwortet und auch angewandt. Einschränkend muss festgehalten werden, dass einige Maßnahmen wie die Kontrolle des Hautstatus, Überprüfung der Muskulatur, das Vorliegen von Fußdeformitäten sowie der Schuhqualität zwar von den Ärzten durchgeführt werden, die Kontrolle aber nicht bei jedem Arztbesuch erfolgt – so wie empfohlen.

Die regelmäßige Fußkontrolle ist sehr wichtig. Doch manchmal ist ein Fußulkus schon zu weit fortgeschritten und eine Amputation ist medizinisch angezeigt. Durch eine Gesetzesänderung haben Patienten seit Mai 2021 die Möglichkeit, sich eine Zweitmeinung bei dieser gravierenden Diagnose einzuholen. In diesem Zusammenhang geben 58 Prozent der im Gehwol Diabetes-Report befragten Ärztinnen und Ärzte an, dass sie jedem Patienten und jeder Patientin vor einer Fußamputation zu einer Zweitmeinung raten, unter den Diabetolog*innen/Endokrinolog*innen sind es sogar 67 Prozent. Nur 8 Prozent raten grundsätzlich von einer Zweitmeinung ab. Der Rest rät zumindest bestimmten Patient*innen zu dieser Absicherungsdiagnose.

Prävention auf mehrere Schultern verteilen

Ärzt*innen fällt neben der Befundung vor allem eine wichtige Rolle in der Prävention zu. Oft steht hierfür nur ein geringes Zeitfenster zur Verfügung. Immerhin zwei Drittel aller befragten Ärztinnen und Ärzte klären ihre Diabetes-Patient*innen über selbst durchzuführende Fußpflegemaßnahmen auf und empfehlen auch die Weiterbehandlung bei spezialisierten Podolog*innen; in vielen Fällen (39 %) auch dann, wenn kein Rezeptanspruch besteht. Die Ärzteschaft spricht sich mehrheitlich für eine Evaluation der Präventionsangebote aus, die insbesondere die psychosoziale Situation der Patient*innen inkludiert. Zudem sollen eine bessere Vergütung der Spezialberufe bei gleichzeitiger Klärung der Kostenübernahme durch Erhöhung der Krankenkassenzuschüsse dazu beitragen, das Versorgungsangebot weiter zu verbessern. Als wichtigste Einzelmaßnahmen werden dabei Diabetes-Schulungen und die podologische Vorsorge genannt.

Um Patient*innen hierfür zu erreichen, ist für die befragten Ärzt*innen besonders die breite Aufklärung in den Massenmedien von Bedeutung. Aber auch Fachpersonal und Krankenkassen wird diese Kompetenz zugeschrieben. Die Verteilung von Prävention auf die Schultern verschiedener Akteur*innen kann also einen Beitrag dazu leisten, die tägliche Eigenkontrolle der Füße durch die Patientinnen und Patienten zu erhöhen. Ein Bewusstsein zur Fußpflege ist hierfür Voraussetzung. Einmal mehr zeigt sich dabei jedoch eine Diskrepanz: Einerseits geben 85 Prozent der Patient*innen an, dass ihnen Fußpflege wichtig oder sehr wichtig ist, andererseits verteilen die meisten Ärzt*innen (48 %) ihren Patient*innen bei diesem Thema allenfalls die Schulnote befriedigend. Auch wissen laut ärztlicher Einschätzung annähernd die Hälfte der Patienten und Patientinnen nicht, dass sie auf ihre Füße achten müssen oder was ein Fuß-Ulkus ist und wie er entsteht. Die Schuhversorgung und Maßnahmen zur Druckentlastung beurteilen Mediziner*innen ebenfalls mehrheitlich mit höchstens befriedigend.

Zusammenfassung: Risiko- und Fußpflegebewusstsein der Betroffenen

Bedeutung von Fußpflegeprodukten

Mehr Hingabe wünschen sich die meisten Ärztinnen und Ärzte für ihre Patient*innen auch bei der Verwendung von Fußpflegeprodukten. Doch worauf kommt es bei einem guten Fußpflegemittel eigentlich an? Es sollte einen positiven Einfluss auf die Mikrozirkulation der Haut haben, sagen 82 Prozent der befragten Ärzt*innen – wissend, dass etwa ein Drittel ihrer Patient*innen unter Neuropathie leidet, bei 26 Prozent mit Ausbildung einer Mikroangiopathie (mangelnde Hautdurchblutung) als diabetestypische Ursache von Hauttrockenheit (32 %). Diese sog. Xerosis steht häufig am Beginn einer Kaskade von Problemen, die sich zum Diabetischen Fußsyndrom weiterentwickeln können. Ein Nachweis der Wirksamkeit von Pflegeprodukten wird ebenfalls gern gesehen (74 %). Weiterhin ist der Urea-Gehalt ein Indikator für eine Empfehlung. Dieser sollte laut ärztlicher Einschätzung bei trockener Haut bei 10 Prozent und bei Hornhaut darüber liegen. Lipidhaltige Cremes werden unter den Formulierungen (38 %) favorisiert.

Doch die beste Creme hilft nichts, wenn sie nicht regelmäßig aufgetragen wird. Unter den am häufigsten angewandten Fußpflegemaßnahmen nennen die Patient*innen zu jeweils gut zwei Drittel das Eincremen und das regelmäßige Kontrollieren der Füße auf Verletzungen und Hautauffälligkeiten. Knapp ein Viertel (26 %) der Befragten pflegt die Füße hingegen unregelmäßig bis nie.

Grafik: Eduard Gerlach GmbH

Sozioökonomischer Status spielt entscheidende Rolle

Um Fußpflege konsequent und wirksam zu betreiben, bedarf es Zeit und Geld. Die Patientenbefragung liefert für den Report hierzu erstmals interessante Rückschlüsse hinsichtlich des Zusammenhangs von sozioökonomischem Status und Fußpflegemaßnahmen. 51 Prozent der Patientinnen und Patienten mit einem Haushaltseinkommen von unter 2.000 Euro suchen generell keinen podologische Praxis auf. Bei den Personen mit einem Haushaltseinkommen von über 4.000 Euro beträgt dieser Anteil nur 17 Prozent. Podologische Leistungen werden nur bei entsprechendem Hautbefund von der Krankenkasse übernommen. Knapp die Hälfte (46 %) der Befragten gibt an, dass sie alle podologischen Leistungen selbst zahlen, beim einkommensschwächsten Personenkreis sind es immerhin noch gut ein Viertel der Befragten. Andererseits empfehlen 39 Prozent der Ärzt*innen eine podologische Komplexbehandlung auch nur dann, wenn ein Verordnungsanspruch besteht und ein Rezept ausgestellt werden kann. Gleiches gilt für biomechanische Untersuchungen in einer orthopädieschuhtechnischen Einrichtung, die ohne Rezept nur von 42 Prozent der Ärzte empfohlen wird.
Der Diabetes Report zeigt noch einmal deutlich, dass Patient*innen und Ärzt*innen unterschiedliche Einschätzungen und Einstellungen zum Gesundheitsbewusstsein haben. Für die Prävention gilt laut den Ärzt*innen Folgendes:

  • Praxen, die an ein Fußnetz angeschlossen sind, klären häufiger alle ihre Patient*innen auf als Praxen, die keinem Fußnetz angehören.
  • Zu den meist empfohlenen Maßnahmen, die der Patient oder die Patientin selbst umsetzen kann, gehören die Untersuchung von Füßen und Schuhen, das Eincremen und das gerade Abschneiden der Zehennägel.
  • Das Risikobewusstsein von Patient*innen ist der entscheidende Faktor zur Verhinderung von Fußfolgekomplikationen.
  • Eine Verringerung des Risikos kann durch einfache Maßnahmen erreicht werden wie beispielsweise Druckentlastung, Schulungen von Menschen mit Diabetes und eine adäquate podologische Versorgung.

 

Weiterentwicklung des Diabetes-Reports

Der Diabetes-Report ist eine zweijährlich stattfindende Bestandsaufnahme der Eduard Gerlach GmbH (Gehwol) in Kooperation mit Statista. Über eine Online-Befragung konnten in der aktuellen Welle 120 Ärzt*innen und erstmals 500 Patient*innen rekrutiert werden. Ärzt*innen und Patient*innen erhielten jeweils zwei unterschiedliche Fragebögen mit vergleichbaren Fragestellungen. Die Rekrutierung der Patient*innen fand dabei durch einen Online-Fragebogen im Zeitraum Mai und Juni 2023 statt.

 

Quelle: Eduard Gerlach GmbH

Foto: Eakrin/Adobe Stock
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