Folgen Sie uns
24. Mai 2022
Dr. med. Renate Wolansky
Schmerz lass nach

Zehenfrakturen bei Kindern

Knacks, und schon ist es passiert – beim ausgelassenen Spielen und Toben mit den Freunden ist eine Zehe gebrochen. Jetzt heißt es vor allem bei Kindern schnell handeln, denn nicht versorgte Frakturen der Wachstumszone können zu Wachstumsstörungen führen. Den anatomischen Grundlagen, der Diagnose und der Therapie von Zehenfrakturen bei Kindern widmet sich Renate Wolansky in folgendem Beitrag.
Foto: Renate Wolansky

Bei einer Fraktur handelt es sich um eine komplette oder inkomplette Kontinuitätsunterbrechung des Knochens mit Bildung von Bruchstücken mit oder ohne Verschiebung (Dislokation), woraus ein Stabilitäts- und Funktionsverlust resultiert. Synonyme sind Knochenbruch, Knochenfraktur und Fractura (vom lateinischen Wort für brechen abgeleitet).

Klinische Einteilung von Frakturen

Unterschieden werden geschlossene Frakturen, bei denen nur leichte Schürfwunden beziehungsweise keine Verletzungen der Haut und der darunterliegenden Weichteile vorliegen, und offene Frakturen mit Schädigung der Haut und Weichteile unterschiedlichen Maßes. Im Extremfall spießen Knochenfragmente durch die Weichteile und Haut. Eine weitere Einteilung erfolgt nach

a) der Anzahl der Bruchstücke:

  • einfacher Bruch mit 2 Fragmenten
  • Mehrfragmentbruch mit 3 bis 6 Fragmenten
  • Trümmerbruch mit mehr als 6 Fragmenten

b) dem Verlauf der Frakturlinie:

  • Schrägfraktur
  • Querfraktur
  • Längsfraktur
  • Spiralfraktur

Ferner kann es nach einem Trauma zu einer Luxationsfraktur kommen, bei der gleichzeitig eine Verrenkung (Luxation) und Fraktur bestehen, sodass ein partieller oder totaler Kontaktverlust der gelenkbildenden Knochenenden vorliegt.

Anatomische Grundlagen zur Zehenfraktur

Die zweite bis fünfte Zehe besteht aus drei Zehengliedern, Grund-, Mittel- und Endglied mit einem Grund-, Mittel- und Endgelenk. Im Gegensatz dazu besitzt die Großzehe nur zwei Glieder: Grund- und Endglied mit einem Grund- und Endgelenk. Ansetzende Sehnen und Bänder garantieren die Stabilität und Funktion der Zehen. Nach Literaturangaben betreffen Zehenfrakturen nur 5 bis 10 Prozent aller Knochenbrüche. Am häufigsten ist das Grundglied der Zehe frakturiert. Bei seltenen Hyperextensionstraumata (Überstreckung der Zehe) im Grundgelenk einer kindlichen Zehe kann aufgrund einer Spiral- oder Ausrissfraktur ein kleines Knochenbruchstück an der Basis vorliegen.

Ursachen und Mechanismen von Zehenfrakturen

Auslöser einer direkten Fraktur der Zehen ist häufig ein Anpralltrauma der ungeschützten Zehen – zum Beispiel ein Stoß an der Türkante, dem Bettrahmen oder Möbelbeinen. Ferner kann es durch herabfallende schwere Gegenstände auf den Vorfuß zur Zehenfraktur kommen. Ebenso sind Zehenbrüche beim Fußball eine häufige Verletzungsfolge. Aber auch Barfußsportler oder -läufer wie Ringer, Karate- oder Judoka, Turner, Wassersportler und Trampolinspringer (siehe Fallbeispiel) sind gefährdet. Betroffen ist vorwiegend die 5. Zehe, gegebenenfalls mit einer posttraumatischen Fehlstellung.

Sogenannte indirekte Frakturen werden dagegen durch eine von der Fraktur ferngelegenen Gewalteinwirkung ausgelöst.

Des Weiteren können Ermüdungsbrüche durch sich ständig wiederholende Mikrotraumata entstehen. Letztlich sind pathologische Frakturen auf ein vorgeschädigtes Knochengewebe wie Osteoporose, primäre Knochentumore, Skelettmetastasen, Hormonstörungen oder Knochenmarkentzündungen (Osteomyelitis) zurückzuführen.

FALLBEISPIEL: ZEHENFRAKTUR BEIM TRAMPOLINSPRINGEN

Diagnostik

Zunächst sind die explizite Erhebung der Anamnese und bei Schürf- oder offenen Wunden die Abklärung des bestehenden Tetanusschutzes wichtig. Ist Letzteres nicht der Fall, erfolgt sofort eine Auffrischung. Inspektion und Palpation schließen sich an, zur Beurteilung unsicherer und sicherer Frakturzeichen (siehe unten) am gebrochenen Zeh. Röntgenaufnahmen erfolgen in zwei Ebenen a. p. (anterior – posterior) und 45-Grad-Schrägaufnahme zur Abklärung eines Knochenbruchs und vor allem beim Kind zum Ausschluss einer Epiphysenfraktur (Bruch in der Wachstumsfuge). Bei Verdacht auf Verletzung der Wachstumsfuge kommen gegebenenfalls Röntgenaufnahmen im Vergleich zur gesunden Seite infrage.

Unsichere und sichere Zeichen einer Zehenfraktur

Zu den unsicheren Symptomen gehören heftiger pochender Schmerz, Schwellung in der Zehen- und Vorfußregion sowie Hämatome am gebrochenen Zeh und im Vorfußbereich – gegebenenfalls auch unter dem Zehennagel (subungual) – und Einschränkung bis Aufhebung der Beweglichkeit (Abb. 1a+b).

Foto: Renate Wolansky
1a+b Der rechte Vorfuß des Jungen weist sowohl ein ausgeprägtes interdigitales Hämatom zwischen der 4. und 5. Zehe und der lateralen Vorfußregion als auch eine Schwellung nach Fraktur des 5. Zehs auf.

Sichere Knochenbruchzeichen betreffen auffällige, abnorme Achsenfehlstellungen, Fragmente in offenen Wunden, ein hörbares knirschendes Aneinanderreiben von Knochenbruchstücken (Krepitation) und abnorme Beweglichkeit. Sehnenverletzungen treten seltener auf, sollten aber bei einer offenen Fraktur ausgeschlossen werden.

Die Therapie

Die Ziele sowohl einer konservativen als auch gegebenenfalls notwendigen operativen Behandlung sind das Erlangen von Beschwerdefreiheit, Wiederherstellung der Funktion und einer achsengerechten Stellung des verletzten Zehs. Als Erstmaßnahmen nach einer Zehenfraktur sind zur Linderung der Schmerzen und Schwellung Kryotherapie mittels Kühlpads oder kaltem Umschlag, Hochlagerung des Fußes und Schonung hilfreich. Zusätzlich kann zur Schmerzlinderung beim Kind kurzzeitig zum Beispiel Nurofensaft (flüssige Ibuprofen-Suspension) mit altersentsprechend angepasster Dosierung verabreicht werden.

Foto: Renate Wolansky
2 Von der Mutter erneut angelegter, dachziegelartiger Pflasterverband der 4. und 5. Zehe.

Nicht verschobene (dislozierte) Zehenfrakturen beim Kind werden in der Regel mit einem Pflasterzügelverband oder Tapeverband für zwei bis drei Wochen versorgt (Abb. 2). Bei Erwachsenen beträgt der Zeitraum etwa vier bis fünf Wochen. Dazu wird der frakturierte Zeh mit dem benachbarten gesunden Zeh – nach Säuberung und weicher Polsterung mit Gaze oder Polsterwatte zwischen den Zehen – dachziegelartig mit Tapestreifen geschient und gestützt. Die Polsterung beim sogenannten „Buddy Taping“ soll Druckstellen, Hautreizungen und Blasenbildung vermeiden sowie das Infektionsrisiko minimieren. Das weiße oder farbige Klebeband wird dazu faltenfrei und ohne großen Druck angelegt. Anschließend erfolgt eine Überprüfung der Durchblutung und Sensibilität. Ferner ist zu beachten, dass zu viel verwendetes Klebeband zur vermehrten Schweißbildung führen kann. Dadurch besteht eine Gefahr eines Aufweichens der Haut (interdigitale Mazeration), was eine Eintrittspforte für Mikroorganismen wie Bakterien, Viren oder Pilze bietet und Auslöser einer Infektion sein kann. Für die Nacht kann bei Beschwerdefreiheit des Zehs beim Kind der Tapeverband zur Förderung der Durchblutung entfernt werden. Empfohlen wird ein täglicher Wechsel des Klebeverbands inklusive Gaze oder Polsterwatte.

Während des Buddy Tapings sollten das Gehen und Laufen in bequemen, entsprechend weiten, geschlossenen und stabilen Schuhen auf ein Mindestmaß reduziert werden. Auf Sandalen oder Laufschuhe sollte für etwa vier bis sechs Wochen verzichtet werden. Günstig erweist sich ein dosiertes Training nach Abklingen der Schmerzen und Schwellung auf einem Hometrainer mit Positionierung vor allem der Fersen auf den Pedalen und gegebenenfalls Schwimmen ohne Belastung der lädierten Zehe. Eine Befreiung vom Schulsport ist je nach Heilungsverlauf für mindestens vier bis sechs Wochen notwendig.

Bei dislozierter Zehenfraktur und ebenso zusätzlicher Luxation erfolgt in Lokalanästhesie eine zeitnahe Wiedereinrichtung (Reposition) und Anlegen eines Tapeverbands. Besteht beim Kind ein Bruch in der Wachstumszone (Epiphysenfraktur), wird diese minimal invasiv mit einer Minischraube oder einem Kirschnerdraht versorgt, um eventuelle drohende Wachstumsstörungen wie Achsenabweichungen oder Verkürzungen des Zehs zu vermeiden. Nach Literaturangaben ist bei etwa 15 Prozent der kindlichen Knochenverletzungen die Wachstumszone (Epiphysenfuge) betroffen.

Offene Frakturen der 5. Zehe werden operativ mithilfe einer Osteosynthese (Zusammenfügen der Fragmente) versorgt, wobei die Fixierung und Stabilisierung meistens mit Kirschnerdrähten – alternativ mit Minischrauben oder Minifragmentplättchen – erfolgt. Die Ruhigstellung nach Kirschnerdraht-Osteosynthese sollte mit einem Cast-Schuh (auch Geisha-Schuh oder Lopresti-Slipper) für etwa drei bis vier Wochen durchgeführt werden. Kirschnerdrähte werden vor voller Belastung des Fußes entfernt; Minischrauben etwa sechs Wochen postoperativ. Die Entlastung eines gelegentlich vorliegenden, unter dem Nagel liegenden Blutergusses (subunguales Hämatom) erfolgt unter sterilen Vorsichtsmaßnahmen mithilfe einer Eröffnung (Trepanation).

Gute Aussichten

Eine Fraktur der Kleinzehe beim Kind heilt in den meisten Fällen folgenlos und rasch aus. Bei nicht versorgter Fraktur der Wachstumszone sind allerdings Wachstumsstörungen möglich.

 

Autorin
Orthopädin Dr. Renate Wolansky
Luisenstraße 26
06618 Naumburg

Foto: Eakrin/Adobe Stock
Zurück
Speichern
Nach oben