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26. Juli 2017
Redaktion

An die Gesundheit denken

[Abo] Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) sind nicht nur für Großbetriebe ein Thema, sondern sie sollten es auch für Kleinbetriebe sein. Warum dies auch für Pododologiepraxen gilt, erläutern Dr. Jan Ries und Louisa Staff, B.Sc.



Die Gesundheit der Mitarbeiter in einem Betrieb hat einen entscheidenden Einfluss auf den Erfolg eines Unternehmens. Das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) und die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) spielen bisher hauptsächlich in großen Unternehmen eine Rolle, dabei sind 95,5 Prozent aller Betriebe in Deutschland Kleinst- (bis zu 9 Beschäftigte bzw. 2 Millionen Euro Jahresumsatz) und Kleinbetriebe (weniger als 50 Beschäftigte) und sind somit von zentraler Bedeutung für die deutsche Wirtschaft. 40 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland sind in diesen Unternehmen beschäftigt, aber nur 21 Prozent aller BGF-Maßnahmen der Krankenkassen werden von den Kleinst- und Kleinbetrieben in Anspruch genommen (DNBGF 2015).

Der Grund: Das Potenzial von BGM/BGF wird von den Unternehmen häufig auf Grund fehlender Kenntnis über den Prozess des BGM beziehungsweise der BGF nicht wahrgenommen, außerdem fühlen sich die Unternehmer teilweise mit der Umsetzung überfordert und kennen keine Ansprechpartner oder Netzwerke, die sie unterstützen könnten (BMG 2011). Die meisten Podologiepraxen in Deutschland gehören zur Gruppe der Kleinstunternehmer und haben demnach häufig noch keine Erfahrungen mit zielgerichtetem BGM beziehungsweise adäquater BGF gemacht. Dabei sind der Arbeits- und Gesundheitsschutz (Arbeitsschutzgesetz, Arbeitssicherheitsgesetz) sowie das betriebliche Eingliederungsmanagement bereits durch den Gesetzgeber geregelt und verpflichtend. Diese gesetzlichen Vorgaben werden somit „nur“ im Rahmen des BGM beziehungsweise der BGF erweitert. Die BGF ist für die Krankenkassen verpflichtend geregelt (§ 20a SGB V) und bietet somit einen Anknüpfungspunkt für die (freiwillige) Leistung des Arbeitgebers (BMG 2011).

Der Unterschied

Die Unterscheidung zwischen BGM und BGF ist wichtig für das Verständnis und die erfolgreiche Implementierung in der Podologiepraxis.

Das systematische BGM behandelt unter anderem folgende Fragen:

– Was macht krank (häufig im Bezug zu „harten“ Zielkriterien wie Fluktuation, Frühberentung, Berufskrankheiten, Unfallstatistiken, Fehlzeiten, Produktivität/Qualität etc.)?

– Was hält gesund (häufig im Bezug zu  „weichen“ Kriterien wie Mitarbeiterzufriedenheit, Wohlbefinden, Motivation, Identifikation, Arbeits- und Lernklima usw., die für die Erhaltung der Gesundheit essentiell sind)?

Betriebsinhaber fokussieren sich anfangs häufig nur auf die harten Zielkriterien, da zunächst eine problemorientierte Ausrichtung erfolgt (z. B. Was ist der Grund für die erhöhte Anzahl von Fehltagen? Was macht die Mitarbeiter krank?). Nicht selten folgt erst im Anschluss die Frage nach den weichen Kriterien und deren Potenzialen für die Gesundheit der Mitarbeiter (z. B. Wie kann ich das Wohlbefinden meiner Mitarbeiter steigern, damit diese gesund bleiben bzw. nicht (erneut) erkranken?).

Die zentralen Inhalte der betrieblichen Gesundheitsförderung sind im Wesentlichen:

– Maßnahmen zur aktiven Verbesserung der Gesundheit, des Wohlbefindens, der Arbeitsorganisation und der Arbeitsbedingungen (Stärkung körper­licher, sozialer und personeller Kompetenzen) im Rahmen der Primär­prävention (z. B. Kurse zu Ernährung, Bewegung, Stressprävention und Rückengesundheit).

– Verhaltensanalysen und gegebenenfalls  -änderungen aller Hierarchieebenen werden angestrebt.

BGF ist folglich als ein Teilergebnis vom BGM zu verstehen!

Daten sind nötig

Die Maßnahmen der BGF werden durch das BGM im besten Fall ermittelt und analysiert, so dass Maßnahmen für die BGF abgeleitet werden können. „Harte“ und „weiche“ Faktoren müssen, um Bedarfe und Resultate der Maßnahmen zu dokumentieren, messbar gemacht werden. Ganz entscheidend ist die Evaluation (Bewertung bzw. Beurteilung der Qualität) beim systematischen BGM (s. Abb.1), um tatsächliche Veränderungen nachhaltig umzusetzen und Erfolge sowie potenzielle Gestaltungsfelder zu analysieren.

Diese Daten dienen der Weiterentwicklung des unternehmensbezogenen BGM‘s und somit der Verbesserung der Maßnahmen der BGF („passgenaue Angebote“). Darüber hinaus stellen sie eine zentrale Rolle für mögliche Geldgeber (Krankenkassen, Berufsgenossenschaft, …), Organisationsbegleiter (Krankenkassen, Health Network, …) und Anlaufstellen (Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, Geräte- und Dienstleistungsanbieter, …) dar, um erfolgreich (anhand objektiver Daten) zu verhandeln und ein BGM zu etablieren (Wegner 2009).

Die Gesunderhaltung und Gesundheitsförderung liegen nicht nur im dienstlichen Interesse – es gibt keine realen gesundheitlichen Probleme, die man in der arbeitsfreien Zeit komplett ablegen kann. Dabei ist es für eine erfolgreiche Implementierung wichtig, dass gesundheitsfördernde Maßnahmen nicht als zusätzliche Belastung vom Betriebsinhaber oder den Angestellten wahrgenommen werden (DNGF 2015). Die Vorteile der Podologiepraxen, die fast ausnahmslos zu den Kleinstunternehmen zählen, liegen klar auf der Hand.{pborder}

Podologiepraxen haben Vorteile

Es besteht eine große Autonomie der Betriebe, wodurch eine hohe Flexibilität in allen Schritten des BGM entstehen kann, sodass die Kommunikationswege kurz sind, Transparenz über die verschiedenen Prozesse herrscht und die Hierarchie­ebenen flach und personenbezogen sind. So entstehen größere Handlungsspielräume (BMG 2011).

Die Mitarbeiter können im besten Fall einen direkten Einfluss auf das BGM/die BGF nehmen und so aktiv in ihren Arbeitsverhältnissen (abgestimmte) Änderungen erwirken.

Was kann sich ändern?

Die potenziellen Veränderungen anhand eines systematischen BGM‘s für die einzelnen Podologiepraxen können folglich sein:

– Steigerung der Produktivität sowie Kos­tensenkungen in verschiedenen Praxisbereichen.

– Erhöhung der Arbeitszufriedenheit und Verringerung von psy­chi­schen/ physischen Belastungen (die auch das außerberufliche Leben betreffen) der Mitarbeiter (BMG 2011).

– Eine (vermutlich) höhere Kundenzufriedenheit durch eine verbesserte „Praxisatmosphäre“.

Es gibt viele unterschiedliche Herausforderungen und Aufgaben für Podologiepraxisinhaber, die einen Einfluss auf die Gesundheit der Angestellten im Betrieb nehmen können. Das bedeutet die Mitarbeiter sind tagtäglich verschiedens­ten Stressoren und Belastungen ausgesetzt. Dazu zählt beispielsweise die Platzierung und Abgrenzung der Praxis gegenüber Mitbewerbern am Markt, die Ausrichtung der Praxis (Kassenabrechnung – Privatabrechnung), die Organisationsstruktur (ein bis mehrere Angestellte, Organigramm, Personalführungsfragen), die Aufgabenverteilung (Verteilung/Zuständigkeiten der verschiedenen Praxisbereiche, z. B. Empfang, Rechnungswesen), die Terminvereinbarung/-pflege (Regelungen, Umgang mit Arztanrufen, dringenden Überweisungen von Patienten, der Umgang mit Absagen oder Verspätungen), abgestimmte Urlaubs- und Vertretungsregelungen, die passende Dienstkleidung („Freizügigkeit“ der Bekleidung, Hygiene), die Verwaltung (Software und/oder Papier), die Materialbeschaffung (Geräte), das Pflegen von Netzwerken und die Regelungen für Fortbildungen (Kos­tenübernahme usw.).

Von der Theorie in die Praxis

Um einen Einstieg ins systematische BGM zu finden, bietet sich der Weg über eine Gefährdungsbeurteilung an, da potenzielle Gesundheitsgefahren im Betrieb erfasst, erforderliche Maßnahmen festgelegt und umgesetzt werden müssen (s. Abb. 2).

Bekannte und sehr relevante Themen des BGM sind die ergonomische Ausrichtung des Arbeitsplatzes (Behandlungsplatz, Büroarbeitsplatz) sowie „Hygienefragen“.

Besonders das Tragen von Arbeitsmaterialen (63 %) sowie das vorgebeugte (38 %) und das lange Sitzen (35 %) werden von Podologen als besonders belas-tend empfunden. Anhand der Gefährdungsbeurteilung können krankmachende Bewegungsabläufe ermittelt und Maßnahmen (von technisch-baulichen, zum Beispiel ein ergonomischer Behandlungsstuhl, worauf sich viele Anbieter von Praxisausstattungen konzentrieren, bis zu personenbezogenen Maßnahmen, wie das Üben von rückengerechtem Heben und Tragen) abgeleitet werden (BGW 2013). Nach demselben Schema können die Hygienepläne der Podologiepraxen auf angemessenen Haut- und Infektionsschutz hin überprüft werden (mögliche Gefahren sind

1. B. Infektionen, dermatologische- und infektiöse Erkrankungen durch unzureichende Hygiene usw.) (BAuA 2015).

Doch nicht nur physische Gefährdungen sind in Podologiepraxen relevant. Durch die bereits beschriebenen vielfältigen Stressoren kann auch die psychische Gesundheit der Angestellten leiden. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz führen zur psychischen Beanspruchung (intern durch Konflikte mit Mitarbeitern/Kollegen und extern durch Kostendruck, Existenzangst, schwierige Kunden etc.).

Mittelfristig nehmen Arbeitsunzufriedenheit und psychosomatische Beschwerden zu, das Arbeitsengagement nimmt ab. Langfristig kommt es zu einem „Dienst nach Vorschrift“, dem Erleben von „Burnout“ beim Personal, erhöhten Fehlzeiten und bei vorhandenen Alternativen zur Fluktuation (BAuA 2015a). Immer wieder kommt es somit zu medizinisch- und zwischenmenschlich belastenden Situationen im Praxis-alltag.

Was bringt Hilfe?

Durch eine Unterbrechung der Arbeitszeit in Form von Pausen erhalten die Beschäftigten Gelegenheit zur Erholung während der Arbeit. Die Einrichtung eines Ruhe- oder zumindest attraktiven Sozialraums als Rückzugsort bietet sich dafür an, das beugt einer Übermüdung vor und vermindert dadurch das Fehler- und Unfallrisiko. Ebenfalls muss ausreichend Zeit zur Erholung nach der Arbeit, zum Essen, Schlafen und für soziale Aktivitäten gewährleistet werden (BAuA 2015b). Der Aufbau einer professionellen Distanz („abschalten“ nach Dienst­ende) ist ebenfalls essenziell.

Partizipation und externe Unterstützung fördert Nachhaltigkeit

Partizipative Entscheidungen sind für die psychische Gesundheit in der Praxis wichtig und schaffen Transparenz. Die Signale für eine positive Veränderung hinsichtlich verschiedenster Faktoren, die die psychische Gesundheit negativ beeinflussen können, müssen vom Praxisinhaber beziehungsweise Chef ausgehen. Dieser kann im Rahmen der Meetings eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation (zu Fragen wie: Welche Stressoren gibt es aktuell? Wie können wir daran gemeinsam arbeiten, um Lösungen zu finden?) als Einstieg für das BGM nutzen. So können Fortschritte sowie ungelöste Probleme protokolliert und mögliche Lösungsansätze festgehalten werden. Dabei ist es wichtig, dass die Mitarbeiter alle gleichermaßen Themen ansprechen dürfen und keine Angst vor Repressalien haben müssen (z. B. durch eine Art „Vertrag“, der die Regeln der Meetings festlegt) (BGW 2015). Bei der Umsetzung kann ein außenstehender BGM-Experte hilfreich sein, um Veränderungsprozesse zu begleiten und auch in schwierigen Phasen eine Unterstützung für die Podologiepraxis darzustellen.

Des Weiteren können Netzwerke (Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, Health Network usw.) eine wichtige Ressource im BGM-Prozess sein. Die jeweilige Praxis kann innerhalb der Netzwerke von erfolgreichen Interventionen berichten und so weitere Praxen vom Nutzen eines BGM‘s überzeugen.

Das Ziel dieser verschiedenen Prozesse ist die Verankerung des BGM’s in den Praxisalltag. Der gesamte Prozess von der ersten Bestandsaufnahme über die Analyse, Planung und Durchführung von Maßnahmen, bis hin zur Evaluation stellt einen langen Weg dar, der je nach Praxissituation bis zu einigen Jahren dauern kann. Auch wenn der Weg zum systematischen BGM in Podologiepraxen oft „holprig“ sein kann, lohnen sich die Bemühungen und Anstrengungen langfristig sehr! Die Praxis, dass heißt die Kunden, die Mitarbeiter und der Geschäftsführer profitieren von den Veränderungen. Die individuelle Situation des Praxisteams am Arbeitsplatz (und damit auch in anderen Lebensbereichen) kann sich langfristig verbessern. «

Literatur
bei den Verfassern

Anschrift der Autoren:
Hochschule Fulda, Health Network
Dr. Jan Ries, Sportwissenschaftler
Louisa Staff, Gesundheitswissenschaftlerin, B.Sc.
Leipziger Str. 123
36037 Fulda
E-Mail: jan.ries@hs-fulda.de

 

Ausgabe 09-10 / 2016

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Änderungen beim Gesundheitscheck

Änderungen bei Gesundheitsuntersuchungen für Erwachsene nach § 25 Absatz 1 Satz 1 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (SGB V hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA)  beschlossen. Demnach wurde das Untersuchungsintervall angepasst. Gesetzlich Krankenversicherte ab 35 Jahren haben demnach künftig nur noch alle drei und nicht mehr alle zwei Jahre Anspruch auf die Untersuchung.

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Foto: Eakrin/Adobe Stock
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