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26. Juli 2018
Redaktion

Fehlender Arbeitsschutz führt zur Amputation

„Herr, schmeiß Hirn ra!“ Mit diesem schwäbischen Spruch kann wohl am ehesten das ­Geschehen kommentiert werden, welches uns Orthopädin Dr. Renate Wolansky vorstellt. Fehlende persönliche Schutzausrüstung sowie eine eingeschränkte Wundheilung durch ­Diabetes mellitus und Polyneuropathie führten nach einem Schweißunfall zur Amputation.



Ein 63-jähriger Schrotthändler mit Diabetes mellitus Typ II und Polyneuropathie (Schädigung der peripheren Nerven) durchtrennte beim autogenen Schweißen ein dickes Blech. Beim Schweißvorgang mit einem Schneidbrenner verzichtete der Betroffene auf eine notwendige persönliche Schutzausrüstung, vor allem auf Sicherheitsschuhe. Er trug Sandalen ohne Strümpfe.

Beim Schweißen spritzten nun glühende Stahltropfen dorsal auf den linken II. Zeh und es kam zu einer Verbrennung mit schwerer Wundheilungsstörung. Im weiteren Verlauf entwickelte sich trotz Desinfektion und lokaler Anwendung einer antibiotischen Salbe ein tiefes Ulkus (Abb. 1). Da es in der Folge zur Knochenbeteiligung und Gangrän kam, erfolgte die Amputation der II. Zehe (Abb. 2). Eine systemisch verabreichte Antibiotikumtherapie war präoperativ nach Wundabstrich, zur Erreger und Resis­tenzbestimmung (Antibiogramm), notwendig.

Postoperativ erhielt der Betroffene, nach vorheriger Durchführung einer ­dynamischen Pedografie zur Ermittlung von Druckspitzen, neue diabetesadaptierte Fußbettungen für Konfektionsschuhe. Die anschließende dynamische Pedografie zeigte nach der Versorgung eine exakte Druckumverteilung an der Fußsohle.{pborder}

Grundlagen zu Läsionen am Fuß bei Diabetes mellitus

Bei einer Wundheilungsstörung handelt es sich um eine schlecht oder nicht heilende Wunde. Dazu gehören Dehiszenz (Klaffen) der Wundränder, Wundrisse, angesammeltes Wundsekret, das sogenannte Serom, Wundrandnekrosen (lokaler Gewebstod), Hämatome (Blut­erguss) und besonders eine Infektion.

In 80 bis 90 Prozent der Wundheilungsstörungen mit nachfolgendem Ulkus (Geschwür) am Fuß geht bei Betroffenen mit Polyneuropathie eine Verletzung, häufig eine Bagatellläsion, voraus. Bekannterweise sind bei einer diabetischen Polyneuropathie (periphere Nervenschädigung) Schmerz-, Temperatur-, Druck- und Vibrationsempfinden reduziert oder sogar aufgehoben, so dass dadurch schädigende Einflüsse am Fuß entweder vom Betroffenen spät oder nicht bemerkt  und häufig bagatellisiert werden. Des Weiteren wird der Wundheilungsprozess durch fehlende Schonung und Entlastung nicht gefördert, so dass die bestehende Wunde nicht abheilen kann. Hinzu kommen bei Diabetikern meistens Durchblutungsstörungen oder Entzündungen, die zusätzlich die Wundheilung einschränken können.

Außerdem spielt bei der Wundheilung die Compliance des Patienten eine große Rolle, wie zum Beispiel das Beachten und sorgfältige Durchführen der ärztlich angeordneten Maßnahmen, die Umsetzung wichtiger Tipps vom Fußspezia­listen und die Einhaltung vorgegebener Konsultationstermine beim Arzt oder Orthopädieschuhmacher.

1. Ulkus der linken II. Zehe bei einem 63-jährigen Diabetiker Typ II mit Polyneuropathie, der sich beim Schweißen ohne Sicherheitsschuhe durch glühende Stahltropfen eine schwere Verbrennung zugezogen hat 2 a, b Zustand nach Amputation der linken II. Zehe aufgrund einer sich im weiteren Verlauf  entwickelnden Gangrän 2 a, b Zustand nach Amputation der linken II. Zehe aufgrund einer sich im weiteren Verlauf  entwickelnden Gangrän
1. Ulkus der linken II. Zehe bei einem
63-jährigen Diabetiker Typ II mit
Polyneuropathie, der sich beim Schweißen
ohne Sicherheitsschuhe durch glühende
Stahltropfen eine schwere Verbrennung
zugezogen hat
2 a, b Zustand nach Amputation der
linken II. Zehe aufgrund einer sich
im weiteren Verlauf entwickelnden
 Gangrän
 

Prophylaxe von Wundheilungsstörungen beim DFS

Ziel ist es, bei drohendem oder vorliegendem DFS, unbedingt Verletzungen, die zu schweren Wundheilungsstörungen wie Ulkus, Nekrose, Gangrän oder letztlich zur Amputation am Fuß führen können, zu verhindern.

3. Beispiel von Sicherheitsschuhen (Arbeitsschutzstiefel) mit Öl- und säurefester Gummiprofilsohle für eine 55-jährige Schäferin mit Diabetes Typ II. Links wurde dabei eine Peroneuslähmung versorgt. (Bild: OSM Andreas Koch, Bad Kissingen)

3. Beispiel von Sicherheitsschuhen (Arbeitsschutzstiefel) mit Öl- und säurefester Gummiprofilsohle für eine 55-jährige Schäferin mit Diabetes Typ II. Links wurde dabei eine Peroneuslähmung versorgt. (Bild: OSM Andreas Koch, Bad Kissingen)

Der Fußspezialist spielt hier bei der Vorbeugung im interdisziplinären Behandlungsteam bei Menschen mit Diabetes mellitus eine wichtige Rolle. Regelmäßige podologische Behandlungen, Tipps zur Prophylaxe sorgfältiger häusli­cher Fußpflege, zum Schuhwerk, kontinuierliches Tragen von diabetes­adaptierten Fußbettungen gegebenenfalls notwendigen orthopädischen Maßschuhen beim diabetischen Charcotfuß und Vorbeugung von Verletzungen, haben oberste Priorität. Dazu gehören weiterhin Empfehlungen zur Verwendung von Sicherheitsschuhen (Abb. 3) und die Beachtung von notwendigen Arbeitsschutzmaßnahmen.

Wird eine Fußläsion festgestellt, ist ein sofortiger Arztbesuch mit nachfolgender Therapie unbedingt anzuraten. «

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Renate Wolansky
Luisenstraße 26
06618 Naumburg

Ausgabe 07-08 / 2018

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Foto: Eakrin/Adobe Stock
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