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31. Juli 2020
Redaktion

Podologische Therapie – Was ­wissen wir über unsere Patienten?

Die podologische Therapie von Erkrankungen des Fußes stellt eine wichtige Säule der Behandlung des Diabetischen Fußsyndroms mit dem Ziel dar, die Gehfähigkeit der Betroffenen zu erhalten und Amputationen zu verhindern. Die „Arbeitsgmeineschaft Wissenschaft“ innerhalb des Deutschen Verbandes für Podologie e.V. (ZFD) wollte mehr über die Patienten erfahren, die podologische Praxen aufsuchen: Warum kommen sie in die Praxis, wie selbstständig sind sie und mit welchen Fußproblemen kommen sie?
Grafik: Fiedels/Adobe Stock

Als Podologe/in und interessierter Arzt hat man oft den Eindruck, dass in der Fußpflege etwas schiefläuft. Aber was läuft denn schief und wie kann man das Problem erkennen? Zu den ganz einfachen Fragen, zum Beispiel „wie häufig schneidet sich ein Mann mit 50 Jahren die Zehennägel?“ oder „wie häufig cremt er seine Füße ein?“ liegen keine fundierten Daten vor. Wie würden sich diese Antworten mit zunehmendem Alter ändern? Wenn wir langfristig den Mehrwert der podologischen Therapie für die alternde Bevölkerung darstellen wollen, sollten wir den Ist-Zustand kennen. Daher hatte die „Arbeitsgruppe Wissenschaft“ sich die Aufgabe gestellt, mehr über die betroffenen Patienten und den Alltag in podologischen Praxen zu erfahren. Insgesamt hat die Arbeitsgruppe dazu drei Fragebögen entwickelt und an Mitglieder von podo deutschland versandt. Die Resonanz war eindrucksvoll und wir möchten nun einen Überblick über die Ergebnisse geben.

Besonderheiten von Menschen, die eine podologische Therapie erhalten

Mit der ersten Erhebung wollten wir allgemein erfahren, warum die Patienten zur podologischen Therapie kommen. Der Fragebogen wurde im Juli 2015 versandt. Innerhalb von sechs Wochen erhielten wir 1663 anonymisiert ausgefüllte Fragebögen zurück (926 Männer, mittleres Alter ± SD 68 ± 11 Jahre; 737 Frauen, 71 ± 12 Jahre). Die Ergebnisse wurden bereits im FUSS 7/8 2017 publiziert. Kurz zusammengefasst kamen 95,4 Prozent der Patienten regelmäßig zur Therapie. Allerdings wiesen bei der Vorstellung etwa 33 Prozent ein akutes Problem auf. Dabei handelte es sich am häufigsten um eine akute Wunde oder eine Infektion. Die meisten Patienten trugen bei der Vorstellung normale Konfektionsschuhe oder Konfektionsschuhe mit Einlagen. Etwa 11 Prozent der Männer trugen Diabetes­adaptierte Schuhe und 21 Prozent orthopädische Maßschuhe. Bei den Frauen waren es 10 Prozent beziehungsweise 14 Prozent. Männer und Frauen mit bereits erfolgter Minor-Amputation hatten häufiger akute Fußprobleme (akute Charcot Deformationen, Infektionen, Knochenbrüche) als Patienten ohne eine solche Amputation (Männer 51,8 % vs. 32,7 %, Frauen 49,1 % vs. 31,1 %). Die wichtigste podologische Maßnahme war bei beiden Geschlechtern die Behandlung von Nägeln, gefolgt von einer Reduktion von Kallus, Anwendung von Druck- und Reibeschutz und Behandlung von Clavi und Veruccae.

Tabelle 1: Fragen des Barthel-Index wie er zur Erhebung der Selbstständigkeit eines Patienten benutzt wird. Die Interpretation des 
Ergebnisses ergibt sich wie folgt: 0–30 Punkte: weitgehend pflegeabhängig, 35–80 Punkte: hilfsbedürftig, 85–95 Punkte: punktuell hilfsbedürftig, 100 Punkte: Zustand kompletter Selbstständigkeit. Quelle: http://flexikon.doccheck.com/de/Barthel-Index

Funktion
Punkte
Funktion
Punkte
Essen
Toilettenbenutzung
Unfähig, allein zu essen
0
Abhängig von fremder Hilfe
0
Braucht etwas Hilfe, z. B. beim Fleisch schneiden oder Butter auftragen
5
Benötigt Hilfe wg. fehlenden Gleichgewichts oder beim Ausziehen
5
Selbstständig, benötigt keine Hilfe
10
Selbstständig, benötigt keine Hilfe
10
Baden
Bett- bzw. Stuhltransfer
Abhängig von fremder Hilfe
0
Abhängig von fremder Hilfe, fehlende Sitzbalance
0
Selbstständig, benötigt keine Hilfe
5
Erhebliche physische Hilfe beim Transfer erforderlich, Sitzen selbstständig
5
An- und auskleiden
Geringe physische bzw. verbale Hilfe oder Beaufsichtigung erforderlich
10
(einschließlich Schuhe binden, Knöpfe schließen)
Selbstständig, benötigt keine Hilfe
15
Unfähig, sich allein an- und auszuziehen
0
Mobilität
Braucht etwas Hilfe, kann aber ca. 50 % allein durchführen
5
Immobil bzw. Strecke < 50 m
0
Selbstständig, benötigt keine Hilfe
10
Unabhängig mit Rollstuhl, incl. Ecken, Strecke > 50 m
5
Stuhlkontrolle
Unterstütztes Gehen möglich, Strecke > 50 m
10
Inkontinent
0
Selbstständiges Gehen möglich (Hilfsmittel erlaubt), Strecke > 50 m
15
Gelegentlich inkontinent (max. 1x pro Woche)
5
Treppensteigen
Ständig kontinent
10
Unfähig, allein Treppen zu steigen
0
Urinkontrolle
Benötigt Hilfe oder Überwachung beim Treppensteigen
5
Inkontinent
0
Selbstständiges Treppensteigen möglich
10
Gelegentlich inkontinent (max. 1x pro Tag)
5
Ständig kontinent
10

Selbstpflegekompetenz von Menschen, die eine podologische Therapie erhalten

Mit der zweiten Erhebung wollten wir gezielt etwas über den Grad der Selbstständigkeit der Patienten in podologischer Behandlung erfahren. Der Fragebogen wurde 2017 versandt und wir erhielten 2235 ausgefüllte Bögen zurück. Davon lagen 907 Bögen von Frauen (mittleres Alter ± SD: 69 ± 12 Jahre) und 1328 Bögen von Männern (68 ± 14 Jahre) vor. Unsere Annahme war, dass viele Patienten, die zur podologischen Therapie kommen, in ihrer Alltagskompetenz eingeschränkt sind und deshalb ihre Füße nicht selber pflegen können. Der von uns entwickelte Fragebogen basiert auf dem sogenannten Barthel-Index (siehe Tab. 1). Dies ist ein in der Pflege etabliertes Instrument, um die Alltagskompetenz beziehungsweise die Pflegebedürftigkeit eines Menschen einzuschätzen. Er wird in vielen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen genutzt. Wir haben diesen Index gewählt, da er anerkannt ist und in der Literatur auch in anderen Studien benutzt wird. In diesen Fragen des Barthel-Indexes hatten wir fünf spezifische Fragen zur Fußpflege eingepflegt (Häufigkeit des Schneidens der Zehen, Häufigkeit des Eincremens, der Hornhautbeseitigung, wer schneidet die Nägel und eine Frage zur Erreichbarkeit des Fußes). Die Auswertung der Fragebögen zeigte, dass nur etwa die Hälfte der Menschen, die zur podologischen Behandlung kam, im Zustand der kompletten Selbstständigkeit ist und immerhin jeder 6. Betroffene mehr als nur punktuell hilfsbedürftig ist (Tab. 2).

Tabelle 2: Angegeben sind die Anzahl und der Anteil der Männer und Frauen in % und das Alter aufgeschlüsselt nach der erreichten Punktzahl im Barthel-Index.

mehr als nur punktuell hilfsbedürftig
punktuell hilfsbedürftig
Zustand kompletter Selbstständigkeit
Barthel-Index
< 85
85 – 95
› 95
Frauen n (%)
147 (16,3%)
271 (30,1%)
483 (53,6%)
Alter Jahre
73,8 ± 10,7
70,2 ± 11,3
66,5 ± 11,7
Männer n (%)
262 (19,7%)
420 (31,6 %)
646 (48,6%)
Alter Jahre
75,0 ± 10,6
69,4 ± 12,4
63,2 ± 13,9

Diejenigen, die als komplett selbstständig anzusehen sind, erreichen zwar in höherem Ausmaß ihre Füße mit den eigenen Händen (84,5 % der Frauen und 88 % der Männer) als diejenigen, die punktuell (71,8 % der Frauen und 74,8 % der Männer) oder mehr als punktuell hilfsbedürftig (45,5 % der Frauen und 47,3 % der Männer) sind (Tab. 3). Betrachtet man die Antworten zum Eincremen der Füße, zum Feilen der Hornhaut und zur Nagelpflege, sind die Unterschiede zwischen den drei Gruppen nicht groß und die Häufigkeiten nehmen nicht mit ansteigender Pflegebedürftigkeit zu.

Tabelle 3: Angegeben ist der Anteil der Antworten auf die jeweiligen Fragen in % der Männer und Frauen in der jeweiligen Gruppe, 
aufgeschlüsselt nach der erreichten Punktzahl im Barthel-Index.

Frauen
Männer
Barthel-Index
< 85
85–95
> 95
< 85
85–95
> 95
kommen an ihre Füße
45,5
71,8
84,5
47,3
74,8
88
cremt täglich
33,3
53,5
24,2
46,9
56,6
46,3
cremt manchmal
54,4
41,7
63,6
38,3
40,8
49,9
cremt nie
12,3
4,8
12,2
14,8
2,6
3,8
schneidet Nägel allein
11,2
27,3
14,3
11
21,9
26,5
jemand anderes schneidet
82,5
70,8
83,8
83
73,7
72,1
niemand schneidet
6,3
1,9
1,9
6
1,4
1,4
feilt Hornhaut
16,8
23,5
13,4
15,9
31,7
25,6
jemand anderes feilt
72,7
70,1
82
79,8
66,2
71,3
niemand feilt
10,5
6,4
4,6
3,9
2,1
3,1
schneidet Nägel 1 x Woche
10,5
7,9
4,6
9,6
6,5
5,5
schneidet Nägel 1 x Monat
82,5
91,7
82,7
91,3
89,1
92
schneidet Nägel alle 3 Monate
6,3
3
4,1
7,7
1,8
2,5

Erkrankungen und Fußveränderungen der Patienten, die zur podologischen Therapie kommen

Mit der dritten Erhebung wollten wir gezielt etwas über die Krankheiten beziehungsweise den Fußprobleme der Patienten erfahren, die sich in podologischer Behandlung befinden. Der Fragebogen wurde 2018 versandt und wir erhielten insgesamt 1851 ausgefüllte Bögen zurück, von 1025 Frauen (76 ± 15 Jahre) und 812 Männern (75 ± 15 Jahre). Unsere Annahme war, dass nicht nur Patienten mit einem Diabetischen Fußsyndrom zur Behandlung kommen, sondern auch Patienten mit anderen Erkrankungen. So belegt die Auswertung, dass nur 70 Prozent der Männer und 52 Prozent der Frauen angaben, einen Diabetes mellitus zu haben. Der Anteil der Patienten mit einer Polyneuropathie fiel geringer aus, wobei ein Teil der Patienten sicherlich auch nicht über die Diagnose aufgeklärt sein dürfte. Andere häufige Krankheitsbilder waren die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) und die Herzinsuffizienz. Patienten mit rheumatischen Erkrankungen waren ebenso vertreten wie Patienten mit Parkinson-Erkrankung (Tab. 4).

Tabelle 4: Angegeben ist der Anteil der Antworten mit „Ja“ bezüglich der jeweiligen Erkrankung in % bei Männer und Frauen beziehungsweise Patienten im Alter < 60 und über 75 Jahren.

Erkrankung
Geschlecht (%)
Alter (%)
m
w
< 60
> 75
1
Diabetes mellitus
70
52
41,5
68
2
Polyneuropathie
56
43
29,3
58
3
PAVK
35
26
14,2
40
4
Herzinsuffizienz
32
28
12
44
5
Lymphödem
19
24
16,7
26
6
Allergien
16
25
27,3
16
7
Gicht
12
10
7,4
14
8
Apoplexia cerebri
9,6
7,6
4,1
11
9
Rheumatische Erkrankung
8
17
7,9
17
10
Parkinson Erkrankung
2,5
1,7
0,5
3,1
11
Fibromyalgie
2,3
4,6
3,4
2,6
12
Multiple Sklerose
0,6
1,6
2
1

Tabelle 5: Angegeben ist der Anteil der Antworten mit „Ja“ bezüglich der jeweiligen Fußerkrankung in % bei Männern und Frauen, beziehungs­weise Patienten im Alter < 60 und über 75 Jahren.

Fußerkrankung
Geschlecht (%)
Alter (%)
m
w
< 60
> 75
1
Pes transverplanus
59,3
62,6
60,5
60,8
2
Pes planus
42,7
41
37,5
43,4
3
Digitus flexus
31,8
39,7
25,3
43,6
4
Hallux valgus
28
45,5
25,5
46,8
5
Digitus malleus
22,9
25,1
14,9
29,9
6
Pes valgus
11,9
17,2
16
15,4
7
Pes excavatus
9
10,2
7,4
9,3
8
Digitus subductu
8,3
11,2
6,8
13,5
9
Digitus superductu
6,9
11,5
6,8
14
10
Charcot-Fuss
3,4
3
4,7
2,6
11
Syndaktylie
2,8
2,3
3,8
1,5
12
Pes calcaneus
2,4
2,6
1,8
2,6

Diskussion

Die durchgeführten Erhebungen erlauben uns einen wichtigen Einblick in die Versorgungsleistungen in der podologischen Praxis. Auf der einen Seite zeigen sie das breite Spektrum der Fußerkrankungen mit dem die Patienten sich vorstellen. Auf der anderen Seite beschreiben sie die Vielschichtigkeit der Patienten, die zur Behandlung kommen. Dies reicht von Patienten mit Diabetes mellitus und Polyneuropathie über adipöse Patienten, die ihre Füße nicht erreichen, bis hin zu pflegebedürftigen Menschen mit punktueller oder mehr als punktueller Hilfsbedürftigkeit. Darüber hinaus zeigt die hohe Rücklaufrate der Fragebögen, dass die Mitglieder von podo deutschland gemeinsam die gestellten Fragen zur Versorgung der Deutschen Bevölkerung mit podologischen Therapien beantworten können. Die erhobenen Daten haben allerdings keinen Anspruch auf Repräsentativität und Vollständigkeit, da sie auf einer freiwilligen Teilnahme der Befragten basieren und wir nicht wissen, welche Patienten letztlich eingeschlossen wurden und welche nicht. Ein prospektiv aufgestelltes Register von Patienten, die in podologischen Praxen behandelt werden, könnte in Zukunft helfen, die bestehenden offenen Fragen zu adressieren. Der Mehrwert der Podologie für den Patienten und das Gesundheitssystem wird so beleuchtet werden und als Datengrundlage für Gespräche mit den Krankenkassen genutzt werden können.

Anschrift für die Autoren:
Prof. Dr. med. Knut Kröger
Klinik für Gefäßmedizin
Helios Klinik Krefeld
Klinik für Gefäßmedizin
Lutherplatz 40
47805 Krefeld

ANNETT BIEDERMANN | BEATE EICKMANN | MONIKA EIRICH | GABRIELA SCHWAB | PETER R. MERTENS | KNUT KRÖGER

Foto: Eakrin/Adobe Stock
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