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23. November 2020
Redaktion

Verantwortung für den ­Heilungsprozess übernehmen

ULRIKE KOSSESSA



Welche Strategien kann ich als Therapeut einsetzen, um den Patienten dabei zu unterstützen, die an ihn gestellten Aufgaben bestmöglich zu bewältigen? Wie wird das Thema Patientencompliance in der Podologieausbildung vermittelt? Einblicke und Anregungen aus Praxen und Schulen.



Gerd (Name geändert) hat Diabetes mellitus Typ 2 und ist an einem Diabetischen Fußsyndrom (DFS) erkrankt. Aufgrund seiner verringerten Schmerz- und Temperaturempfindlichkeit hatte er die kleine Verletzung an seinem Fuß nicht sofort bemerkt. Da er sich regelmäßig podologisch behandeln lässt, fiel die Läsion der Therapeutin direkt auf, so dass umgehend Maßnahmen ergriffen werden konnten. Patient und Podologin sind zufrieden; der Fuß heilt gut ab. Denn Gerd ist aktiv am Heilungsprozess beteiligt, wäscht den Fuß vorsichtig, verwendet die verschriebenen Salben, vermeidet Druck im Schuh etc. Er hält sich konsequent an die mit der Podologin besprochenen Vorgaben, vertraut ihr. Seine Füße befinden sich schon lange in ihren erfahrenen Händen. Was sie vorschlägt und unternimmt, ist zudem eng mit dem zuständigen Arzt von Gerd abgesprochen. Optimal, wenn alles so reibungslos wie in diesem Fallbeispiel funktioniert. Das ist leider nicht selbstverständlich. Bei vielen Komplikationen am Fuß wird die Therapie nicht zeitnah oder konsequent genug angegangen. So kommt es immer wieder zu Verschlimmerungen des Krankheitsbildes, im Fall eines Diabetischen Fußsyndroms sogar bis hin zu Amputationen von Zehen oder Gliedmaßen.

Therapietreue und Eigenverantwortung
Der Erfolg einer ärztlichen oder therapeutischen Behandlung steht und fällt mit der Compliance des Patienten. Ist der Betroffene mit den Empfehlungen nicht einverstanden oder hält er sich nicht an gemeinsam getroffene Vereinbarungen, wirken die Maßnahmen nicht oder nur bedingt. Compliance bedeutet im medikamentös therapeutischen Sinne Therapietreue und konsequente Einhaltung der Verordnungsvorschriften. Das hört sich nach einseitigem Druck und Forderungen an den Patienten an. Anstelle von Compliance werden in der öffentlichen Diskussion daher häufig die Begriffe Adhärenz (Bezeichnung für eigenverantwortliches Handeln des Patienten und seine bewusste Einwilligung in die Behandlung) und Empowerment (Ermächtigung, Übertragung von Verantwortung) verwendet. Die Unterschiede sollen an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden. Wichtig ist für den Erfolg einer Therapie, dass beide Seiten, Behandler und Betroffener aus Überzeugung Verantwortung für den Heilungsprozess übernehmen. Patienten, die sich ihres Erachtens verlässlich an den Behandlungsplan halten, überschätzen aber häufig ihre Compliance. Hier sind weitere Gespräche und Aufklärung erforderlich. Dazu gehört Verständnis für den Patienten, sein Anliegen, seine individuelle Krankheitssituation und mögliche soziale Beeinträchtigungen. So wächst Vertrauen und damit die Grundlage dafür, dass auch komplexe therapeutische Entscheidungen vom Patienten mitgetragen werden. Was ist, wenn sich der Patient als grundsätzlich nicht compliant zeigt?{pborder}

Der Patiententyp ­entscheidet Claudia Bouchama-Sprott Foto: ArtiPodos
Podologin und Wundassistentin DDG Claudia Bouchama-Sprott aus der Kölner Gemeinschaftspraxis „ArtiPodos“ ist der Überzeugung, dass ein Behandlungserfolg wesentlich von der Patiententypologie abhängig ist und differenziert zwischen Compliance-Patienten und Non-Compliance-Patienten. Aus ihrer Erfahrung haben Compliance-Patienten eine signifikant höhere Gesundheitsmotivation und Selbstwirksamkeit, informieren sich aktiv und intensiv und verfügen meist über ein großes Wissen ihre Krankheit betreffend. Sie können gut mit ihrer Krankheit umgehen und sind im Lebensalltag voll integriert. Bei Non-Compliance-Patienten sei das nicht in dieser Form gegeben. Dazu sollte man sich Folgendes klar machen, so Claudia Bouchama-Sprott: „Durch den Verlust der Empfindung – Stichwort Leibesinseln – geht dem Patienten der Kontakt zu seinem Köperteil(en) verloren. Es handelt sich hier nicht um eine Intelligenzfrage, oder kognitive Einschränkung, sondern viel mehr um die Einschränkung des Gefühls für den eigenen Körper oder Teile von diesem. Die Erwartungshaltung, dass man diesem Patienten nur die Vorgänge erklären muss und er dann seinen Lebensstil ändert, ist bei Non-Compliance-Patienten deshalb nicht angebracht.“ Compliance bei diesen Menschen zu erzeugen brauche in erster Linie eine belastbare Beziehungsebene, ein gutes Patienten-/Therapeutenverhältnis. Vertrauen könne dann zu Bereitschaft führen, Bereitschaft und Umsetzung der sinnvollen Maßnahmen zu Erfolg, Erfolg zu besserer Gesundheit und Zufriedenheit. Einzubeziehen seien auch die Menschen, die den Lebensalltag der Betroffenen mitbestreiten, wie Ehepartner, Familie, Freunde und Kollegen, betont die Podologin: „Es ist hilfreich und wünschenswert, wenn auch sie umfassend über das Krankheitsbild und die Folgen bei Nichteinhaltung der sinnvollen Maßnahmen informiert sind. Sowohl der Therapeut, der Arzt als auch die Familienmitglieder und Freunde fungieren oft als ‚Coaches‘, um zu erinnern, zu begleiten und zu unterstützen, wenn es mal nicht so gut läuft. Für alle Beteiligten ist eine gute Kommunikation zwischen Therapeuten, Arzt und Patient sehr wichtig. Das kann man auch aus Studien (www.diabetes.de.org/system/files/documents/gesundheitsbericht_2018.pdf) erlesen, die einen enormen Rückgang der Amputationsrate bei Diabetikern belegen.“

Gemeinsame Ziele vereinbaren Heike Wawersich Foto: bfz
Was bewegt einen Betroffenen, warum ist er mehr oder weniger compliant? Wie kann er für eine Mitarbeit an einer erfolgreichen Behandlung gewonnen werden? Heike Wawersich ist Psychologin an der staatlich anerkannten Privatschule für Podologie in Radolfzell: „Zu allererst sollte der Podologe sich und seine Behandlungsmethoden hinterfragen, ist dies wirklich der richtige Behandlungsansatz für diesen Patienten? Dann sollte er mögliche Hindernisse, wie zum Beispiel Bewegungseinschränkungen, Gedächtnis- oder Wahrnehmungsdefizite erkennen, ansprechen und gemeinsam mit dem Patienten nach Lösungen suchen. Vor allem sollte sich der Podologe immer bewusst sein, dass das, was er als wichtig erachtet, nicht unbedingt wichtig für den Patienten ist. Hinter jedem Verhalten steht ein mehr oder weniger bewusstes Ziel, welches der Patient verfolgt. So können oft unbewusste Beweggründe des Patienten einen Behandlungserfolg bremsen, zum Beispiel der sekundäre Krankheitsgewinn (ich bin oft alleine, jetzt kümmert sich jemand um mich). Hier ist es wichtig für den Podologen, weder bei sich noch beim Patienten die Schuld zu suchen. Da unsere Psyche und unser Erleben sehr komplex sind und in weiten Teilen sehr unbewusst ablaufen, können sich hier mehrere Ziele des Patienten gegenseitig widersprechen und behindern. Deshalb ist es erforderlich, mit dem Patienten im Gespräch die gemeinsamen Ziele wiederholt zu erarbeiten und zu bestärken. Also eine Vereinbarung mit dem Patienten zu treffen.“

Gesunde Distanz wahren Christina Schäfer-Thaler Foto: Hellmut Ruck GmbH
Wie gehe ich als Therapeut damit um, wenn meine Erklärungsversuche und Anleitungen offensichtlich ins Leere gehen? Christina Schäfer-Thaler, Leiterin der Schule für Podologie in Neuenbürg profitiert als staatlich geprüfte Podologin nicht nur von ihrer langjährigen Praxiserfahrung, sondern auch von ihrer Heilpraktikerausbildung und plädiert für klare Grenzen: „Ich bin nicht für den Patienten verantwortlich, sondern lediglich für eine gute Behandlung und alle damit verbundenen Tätigkeiten. Deshalb gehört es zur Professionalität dazu, sich ins Leere gehende Erklärungsversuche nicht ‚zu Herzen zu nehmen‘. Für sich selbst als Therapeut Grenzen zu setzen ist eine der wichtigsten Grundlagen, um dauerhaft medizinisch tätig sein zu können.“ Dies bedeute nicht, dass es an Mitgefühl und Empathie fehlen muss – im Gegenteil. Der Patient selbst oder ein entsprechend für ihn verantwortlicher Angehöriger dürfe über das Maß der Compliance frei entscheiden und trage die entsprechenden Konsequenzen mit all den dazugehörigen Folgen. Insgesamt sei ein Netzwerk zu Ärzten und Therapeuten hilfreich, jedoch könne man niemanden zu seinem Weg zwingen.

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Foto: Eakrin/Adobe Stock
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