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8. September 2023
Redaktion
Forschung

Jüngere Generation wird früher und häufiger krank

Eine Forschergruppe untersucht die Gesundheitsentwicklung in der Bevölkerung und kommt zu überraschenden Ergebnissen. Von den Verbesserungen der Lebensbedingungen, den Fortschritten in der Medizin und dem allgemeinen Wissen um eine gesunde Lebensweise profitiert vor allem die ältere Generation.
Foto: Tina Götting/MHH
Nicht alle Menschen bleiben bis ins hohe Alter gesund – gerade jüngere Generationen werden wieder früher und häufiger krank.

Trotz höheren Alters stehen sie mitten im Leben, sind gesund, aktiv und geistig hellwach – die Rede ist von den „jungen Alten“. Wer heute in Rente geht, hat statistisch gesehen weitaus mehr Lebensjahre vor sich als seine Großeltern. Die ältere Generation profitiert von den verbesserten Lebensbedingungen nach dem zweiten Weltkrieg: weniger schwere körperliche Arbeit, bessere Ernährung, gute medizinische Versorgung und mehr Gesundheitsbewusstsein.

„Bereits Anfang der 1980er Jahre stellte der amerikanische Mediziner James Fries die These auf, dass aufgrund der insgesamt besseren Lebensumstände die Erkrankungsraten sinken und das Auftreten von Krankheiten und Behinderungen sich nach hinten in spätere Lebensphasen verschiebt“, erklärt Professor Dr. Siegfried Geyer, Leiter der Medizinischen Soziologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Von dieser positiven Perspektive ausgehend untersuchte Professor Geyer gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe, wie sich der Gesundheitszustand unterschiedlicher Altersgruppen in der Bevölkerung entwickelte.

Kompression und Expansion

Professor Geyer und sein Team beschäftigen sich bereits seit 2014 mit dem Thema „Kompression und Expansion der Morbidität“. So lautet auch der Titel ihres Forschungsschwerpunkts. Morbidität bezeichnet die Beeinträchtigung eines Individuums oder einer Bevölkerungsgruppe durch Krankheit.

Von Morbiditätskompression sprechen die Fachleute, wenn Krankheiten oder Behinderung insgesamt seltener oder im Lebensverlauf später auftreten. Ist das der Fall, wird gesunde Lebenszeit gewonnen. Bei einer Morbiditätsexpansion hingegen treten Erkrankung oder Behinderung insgesamt häufiger oder im Laufe des Lebens früher auf. Ist das so, geht gesunde Lebenszeit verloren. Die Menschen leben dann mehr Lebensjahre mit Beeinträchtigungen und Behandlungsbedürftigkeit.

Breites Spektrum an Studien

Für die Übersichtsarbeit werteten die Forschenden nationale und internationale Studien aus und stellten eigene Recherchen an. Außerdem nutzten sie Daten der AOK Niedersachsen, die eine breite Sozialstruktur abbilden.

„Wir haben uns den Zeitraum von 2005 bis 2019 angeschaut und zu verschiedenen Zeitpunkten Kohorten gleichen Alters miteinander verglichen“, sagt Professor Geyer. Das überraschende Ergebnis: Der sich früher über Jahre verbessernde Gesundheitszustand der Älteren setzt sich bei den später geborenen Generationen nicht fort. Diese Entwicklung findet sich beispielsweise auch für die USA.

Ältere: Bessere Gesundheit und längeres Leben

Der Gesundheitszustand der heutigen älteren Generation, also der Menschen, die bis in die 1950er und 1960er Jahren geboren wurden, hat sich deutlich verbessert: Alle Arten von Herzkreislauferkrankungen nahmen ab oder verschoben sich in ein höheres Lebensalter. Das gleiche gilt auch für Schlaganfälle und Lungenkrebs, primär bei Männern. Parallel zum Rückgang des Nikotinkonsums verringerte sich von 2006 bis 2017 die Lungenkrebsrate bei Männern um 31 Prozent.

Auch demenzielle Erkrankungen treten in der Altersgruppe seltener oder später auf. Für die genannten Erkrankungen fand bei dieser Generation also eine deutliche Morbiditätskompression statt. „Es gibt bildungs- und einkommensabhängige Unterschiede, aber insgesamt hat die ältere Generation deutlich an Gesundheit gewonnen“, betont Professor Geyer.

Jüngere: Schon früh Adipositas und Diabetes Typ 2

Zu den Erkrankungen, deren Rate über alle Altersgruppen hinweg stieg, gehört Diabetes mellitus Typ 2. Hier stellten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler also eine Morbiditätsexpansion fest. Besorgniserregend ist, dass die Erkrankung immer häufiger schon im frühen Erwachsenenalter auftritt.

„Das ist mit einer verlängerten Erkrankungsdauer und einem erhöhten Risiko für Komorbiditäten verbunden, das heißt, dem zusätzlichen Auftreten von Begleiterkrankungen“, stellt Professor Geyer fest. Das zeige sich bereits in den Altersgruppen der 18- bis 45-Jährigen.

Alarmierend ist auch die Entwicklung von starkem Übergewicht, Adipositas genannt, in jungen Lebensjahren. So hat sich der Anteil adipöser Menschen im Alter zwischen 25 und 55 Jahren im Zeitraum von 2004 bis 2020 fast verdoppelt. Er stieg von insgesamt 12,7 auf 23,4 Prozent an. Adipositas begünstigt wiederum Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall und Fettleber.

Grafik: Geyer/Sperlich/MHH
Unabhängig vom Bildungsstand hat sich der Anteil adipöser junger Menschen in den vergangenen Jahren fast verdoppelt.

Herausforderungen für Sozialsystem, Gesundheitsbranche und Wirtschaft

„Die These der Morbiditätskompression von James Fries hat sich in unserer Untersuchung nur für die heute ältere Generation bestätigt. Sie ist wesentlich gesünder als die Generation ihrer Eltern und Großeltern. Diese positive Entwicklung setzt sich aber bei den später Geborenen nicht fort“, fasst Professor Geyer die Ergebnisse der Übersichtsarbeit zusammen.

Bei der jüngeren Generation sei eine Morbiditätsexpansion festzustellen. Der schlechtere Gesundheitszustand gehe zudem einher mit einer demografischen Verkleinerung der Gruppe jüngerer Menschen. Dies könne enorme Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme und die Wirtschaft haben. „Die Krankheitsfälle werden zukünftig zunehmen und die Gesundheitskosten steigen“, befürchtet der Medizinsoziologe.

Um dem entgegenzuwirken, müssten die Arbeitsbedingungen einzelner Berufsgruppen stärker ins Blickfeld rücken. Früher galten hauptsächlich körperliche Belastungen und Schadstoffexpositionen als Gesundheitsrisiko. Heute hingegen ergeben sich Risiken aus überwiegend sitzender Tätigkeit.

Professor Geyer: „Wir bewegen uns zu wenig. Es bedarf dringend präventiver Maßnahmen am Arbeitsplatz.“ Und auch bei der Ernährung läuft vieles falsch. Denn während durch die veränderte Lebensweise der notwendige Kalorienbedarf über die Jahre stetig gesunken ist, ist der tatsächliche Kalorienverbrauch ständig gestiegen.

 

Quelle: Medizinische Hochschule Hannover

Foto: Eakrin/Adobe Stock
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