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11. Mai 2023
Melanie Roithner
Gesund arbeiten

Schmerz lassʼ nach

Rückenschmerzen sind ein ständiger Begleiter vieler Therapeuten und Therapeutinnen. Tipps und Tricks, um sie zu vermeiden, gibt Podologin Melanie Roithner. Außerdem gewährt sie Einblicke in das BGW-Rückenkolleg.
Foto: Melanie Roithner
Regelmäßige Pausen sind das A und O.

Als Therapeutinnen und Therapeuten bleibt uns oft wenig Zeit für körperlichen Ausgleich. Auch bei Hausbesuchen müssen wir viel improvisieren. Die Folge sind verschiedene Muskel-Skelett-Erkrankungen und Rückenschmerzen. Um dem vorzubeugen, ist eine schonende Haltung am Arbeitsplatz ebenso wichtig wie eine ergonomische Praxisausstattung und ein bedachter Umgang mit den eigenen physischen sowie psychischen Ressourcen.

Ergonomische Praxis

Technisch-bauliche Lösungsansätze haben hier Priorität. Einige Hersteller wie Gerlach oder Hellmut Ruck haben sich auf ein ergonomisches Arbeitsumfeld spezialisiert. Dazu gehören unter anderem höhenverstellbare Behandlungsliegen und individuell einstellbare Arbeitsstühle. Nicht unterschätzt werden darf außerdem die richtige Beleuchtung. Hier kann zum Beispiel der Einsatz von Ringlupenleuchten zu einem angenehmeren und gesünderen Arbeitsumfeld führen.

Nicht vergessen werde sollten aber auch sogenannte organisatorische Lösungen: Die regelmäßige Wartung der Einrichtung gehört ebenso dazu wie die Schulung der Mitarbeitenden. Die beste Ausstattung hilft nichts, wenn die Kolleginnen und Kollegen sie nicht für ihre Bedürfnisse passend einstellen können.

Tipps für einen angenehmen Arbeitsalltag

Aufrechte Haltung

Richten Sie sich während der Behandlung immer wieder auf und korrigieren Sie Ihre Position. Fühlen Sie in sich hinein: Wie nehme ich meinen Nacken und den Rücken wahr? Wie stehen meine Füße? Sind meine Gelenke locker? Mir helfen immer leichtes Schulterkreisen und tiefes Durchatmen. Achten Sie generell darauf, dass die Unterarme angewinkelt sind und nach Möglichkeit aufliegen. Der Schulter-Nacken-Bereich ist entspannt. Für jeden Arbeitsplatz gilt außerdem: Alles in Griffhöhe parat haben.

Ergonomische Denkweise aneignen

Fragen Sie sich vor jeder Tätigkeit: Muss ich das jetzt so erledigen oder gibt es eine andere Art und Weise, rückengerechter zu arbeiten? Den Körper kann man immer gleichmäßig belasten, indem man die Beine schulterbreit aufstellt und einen festen Stand einnimmt. Die Kniegelenke sind dabei leicht gebeugt. So verteilt sich das Körpergewicht gleichmäßiger. Den Patienten oder die Patientin „betten“ Sie so bequem es für Sie möglich ist – eventuell wird ein Kissen unter die Beine gelegt oder das Krankenbett oder der Behandlungsstuhl hochgefahren.

Um den Rücken zu entlasten, sollten Sie sich bei jeder körperlich schweren Tätigkeit ganz bewusst folgende Fragen stellen: Gibt es Hilfsmittel, die mir die Last erleichtern? So eigenen sich Trolleys oder Rucksäcke oft besser für Hausbesuche als Koffer. Fragen Sie auch: Kann ich die Last aufteilen? Oder generell minimieren? Scheuen Sie sich auch nicht, um Hilfe zu bitten, sollte Ihnen etwas doch einmal zu schwer sein.

Foto: Melanie Roithner
Im Rückenkolleg lernen Teilnehmende, wie sie mit den berufsbedingten Belastungen ihres Rückens und Bewegungsapparates umgehen.

Körpernahe Tätigkeiten

Während der Behandlung sollten die Füße des oder der zu Behandelnden so nah wie möglich an unserem Körper sein. Der Kopf gehört in eine aufgerichtete Position. Es fällt uns dann leichter, diese Haltung für mehrere Minuten einzuhalten. Nehmen Sie sich immer Zeit, das Inventar körpergerecht einzustellen. Bei schon bestehenden Schulterbeschwerden ist es auch hilfreich, das Arbeitsgerät einmal auf die andere Seite zu stellen.

Einseitige Belastung vermeiden

Gut für den Rücken ist auch immer der Wechsel von sitzender zu stehender Tätigkeit. So nutze ich gerade den Wechsel vom Schreibtisch zum höhenverstellbaren Stehpult. Ein Rednerpult etwa lässt sich einfach in fast jede Praxis integrieren. Nutzen Sie Telefonate für einen kurzen Spaziergang und ruhen Sie sich auch mal selbst in Ihrem bequemen Fußpflegestuhl aus, das bringt neue Energie.

Seien Sie nicht zu streng mit sich, falls es am Anfang nicht gleich klappt. Es dauert im Schnitt drei Wochen und 70 bis 100 Wiederholungen, um eine neue Gewohnheit zu etablieren.

Stress richtig handhaben

Die Folgen von Stress sind verheerend: Neben seelischen Erkrankungen können auch körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen auftreten. Nicht immer lässt sich Stress vermeiden, wichtiger ist vielmehr, dass Sie einen Weg finden, damit umzugehen.

Legen Sie darum – auch wenn es schwerfällt – regelmäßig 15-minütige Pausen ein und planen Sie die Termine nicht zu knapp. So bleibt Zeit zum Stoßlüften, trinken, Schuhe wechseln und sich rekeln.

Foto: Melanie Roithner

Auch Bewegung darf nicht unterschätzt werden: Schon 10 Minuten Gymnastik oder eine halbe Stunde walken reichen aus, um die Muskulatur zu lockern. Helfen kann es auch, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, weiter weg zu parken oder keinen Fahrstuhl zu nutzen. Oft lasse ich nur den Koffer hochfahren, ich selbst nehme die Treppe.

Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten auch mit Entspannungstechniken zur Stressbewältigung. Ein wichtiger Tipp, den wir uns alle zu Herzen nehmen sollten, ist: Nicht versuchen, es jedem recht zu machen – auch Therapeutinnen und Therapeuten dürfen „Nein“ sagen.

Das Rückenkolleg – ein Angebot der Berufsgenossenschaft

Um die ergonomischen Bedingungen am Arbeitsplatz zu fördern und Pflegekräfte, aber auch Podologinnen und Podologen, im wahrsten Sinne des Wortes „den Rücken zu stärken“, wurde von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) das BGW-Rückenkolleg ins Leben gerufen – ein nachhaltiges, individuelles und kostenloses Rückenprogramm in Kooperation mit berufsgenossenschaftlichen Kliniken. Das Angebot richtet sich vor allem an Versicherte aus Pflegeberufen, aber auch Erzieherinnen und Erzieher, Hebammen oder Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten.

Drei Wochen lang lernen die Teilnehmenden in täglichen Trainings- und Schulungseinheiten, wie sie mit den berufsbedingten Belastungen ihres Rückens und Bewegungsapparates besser umgehen. Medizinische und therapeutische Fachberatungen sensibilisieren sie zudem für ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen der eigenen Belastbarkeit und den Belastungen, welche die Tätigkeit mit sich bringt. Das ­Rückenkolleg wird derzeit an zwei Standorten angeboten – in Hamburg und Halle an der Saale.

Die Teilnehmenden wohnen während des dreiwöchigen Aufenthalts in Patientenappartements oder Einzelzimmern. Sofern jemand in der Nähe eines der Therapiezentren wohnt, kann das Rückenkolleg auch ambulant verlaufen. Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt: Frühstück ab 7 Uhr, Mittagessen sowie ein ausgewogenes Abendbrot werden angeboten.

Der Arbeitsausfall und die Anreise werden übrigens vergütet. Voraussetzung ist ein Nachweis oder Röntgenbild einer Ärztin oder eines Arztes über Beschwerden der Lendenwirbelsäule und/oder Brustwirbelsäule. Pro Kurs stehen 16 Plätze zur Verfügung.

Angebot für Podologinnen und Podologen

Für angestellte und selbstständige Podologinnen und Podologen wird der sogenannte „Lastenkurs“ angeboten. In dem sehr gut strukturierten Rückenkolleg erfahren die Teilnehmenden, wie sie ihren Berufsalltag in ergonomischer und gesundheitsfördernder Haltung durchführen können und welche Übungen dem Rücken guttun und worauf es beim Sitzen oder Tragen ankommt. Bei Bedarf kann ein Antrag auf Arbeitsplatzbegleitung gestellt werden. Hier wird dann noch genauer und individueller geschaut, wo etwas verbessert werden kann.

Zu Beginn erhalten die Teilnehmenden einen Trainings- und Behandlungsplan, der folgende Themen umfasst: physikalische Therapie – Massage, Nordic Walking, Kardiotraining, Gruppentraining und selbstständiges Training an Geräten oder auf der Matte, berufsspezifisches Üben, Physiotherapie, aktive Wohlfühlzeit, Schwimmen und psychologisches Gesundheitstraining. Diese Einheiten wechseln dann immer ab und es gibt auch individuelle Arztgespräche und persönliche Beratungen.

Nach 12 bis 18 Monaten lädt die BGW die Teilnehmenden des Rückenkollegs zu einem fünftägigen Refresher-Kurs ein. Hier soll das Erlernte noch einmal gefestigt werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, Fragen zu klären, die sich im Arbeitsalltag ergeben haben.

Autorin
Melanie Roithner
E-Mail: melanie.roithner@gmail.com
www.podologie.land

Foto: Eakrin/Adobe Stock
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