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5. April 2023
Anja Stoffel
Nachhaltigkeit

Ein gutes Leben für alle

Mit der Nachhaltigkeit ist es ein bisschen wie mit Neujahrsvorsätzen: Es gibt immer viel zu viel, was „man“ besser machen sollte. Müllvermeidung und Strom sparen, weniger Autofahren, weniger Fleisch essen. Wir sind gut informiert, fast schon überinformiert – und manchmal genervt. Zeit, sich zu fragen: Welche schönen Seiten hat das Thema Nachhaltigkeit – und welche Rolle spielt die Podologie dabei?
Grafik: 17ziele.de
1 Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung im Überblick.

Nachhaltigkeit bedeutet, die Ressourcen für ökologisches, ökonomisches und soziales Wachstum so zu nutzen, dass wir zukünftigen Generationen nicht die Lebensgrundlage entziehen. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) etwa definiert Nachhaltigkeit auf seiner Website wie folgt: „Wir müssen unsere technologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Fähigkeiten daran ausrichten, allen auf der Welt ein gutes Leben zu ermöglichen – ohne die Belastungsgrenzen der Erde zu überschreiten.“ (BMUV, 2023)

Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen (UN) mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals, SDGs) und den dazugehörigen 169 Unterzielen ist ein umfassender programmatischer Rahmen zur Verwirklichung einer weltweiten nachhaltigen Gesellschaft – sie ist der Zukunftsvertrag der Weltgemeinschaft für das 21. Jahrhundert. Dabei widmet sich jedes der Ziele jeweils einer globalen Herausforderung (Abb. 1).

Für Deutschland wird der Pfad zur Erreichung der SDGs in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (DNS) beschrieben. Hier heißt es: „Die Nachhaltigkeitsziele unterliegen keiner Priorisierung, sie sind unteilbar und universell gültig. Die Ziele sind in vielfacher Weise miteinander verknüpft und können nicht isoliert betrachtet oder umgesetzt werden.“ (BMUV, 2023)

Wir alle tragen Verantwortung

Damit diese Ziele erfolgreich umgesetzt werden, sind Kennzahlen und messbare Faktoren erforderlich, die den Fortschritt belegen. Dazu ist es notwendig, die großen und mächtigen 17 Sustainable Development Goals auf kleine, nachvollziehbare Schritte herunterzubrechen, die auch die oder der Einzelne umsetzen kann.

Eine schöne Quelle für Ideen ist dabei die „TU DU’s“ Kampagne auf www.17ziele.de, welche die Engagement Global gGmbH im Auftrag des BMUV entwickelt hat. Sie sollen Einzelpersonen dabei helfen, mit ihrem Handeln zu einer nachhaltigeren Welt beizutragen. Beispiele für im Alltag umsetzbare „TU DU’s“ sind: Kaufe nur Lebensmittel, die du auch aufbrauchen kannst, nimm einen Stoffbeutel mit zum Einkaufen statt einer Plastiktüte, gieße deine Pflanzen mit Regenwasser und unterstütze Betriebe, die sich für Inklusion einsetzen.

Aber nicht nur jeder Einzelne, auch die Kommunen veröffentlichen ihre Erfolge und Kennzahlen. Ein Blick in die Daten des SDG-Portals der Bertelsmann Stiftung lohnt sich: Online kann jede interessierte Person die Daten der eigenen Heimat- oder Praxisgemeinde abrufen.

Tabelle 1: Vor- und Nachteile der Podologie durch die Brille der Nachhaltigkeit betrachtet

Vorteile
Nachteile
Sinnstiftender und ethischer Beruf: Mitwirken an der Fußgesundheit für alle
Gesundheitsgefährdung durch zu viel Arbeit und Nachfrage bis zum Belagerungszustand der Praxen
Arbeiten im Kontext des Sozialstaates: Gesundheits- maßnahmen über die gesetzliche Krankenversicherung, keine finan- zielle Hürde für die Behandlung
Selbstständigkeit kann wirtschaft- liche Risiken und Altersarmut zur Folge haben. In der Podologie muss eine ausreichende (Renten-)Vorsor- ge und Risikoabsicherung initiativ betrieben werden
Sicheres Wachstum: Das öko- nomische Wachstum wird nicht mit unlauteren Mitteln erworben, sondern durch die Solidargemein- schaft finanziert. Der Mehrwert der Leistung für die Gesundheit der Bevölkerung ist messbar
Umweltschädigende Aspekte: übermäßiger Verbrauch von Verpa- ckungsmaterialien, hohe Müll und Abwasserbelastung, Strom- und Gasverbrauch, Auto für Hausbe- suche
Soziale Empathie und Gesund- heitskompetenz: für Patient*innen sind Podolog*innen ein wichtiges Bindeglied, um Informationen zu erlangen und zu verarbeiten sowie kontinuierlich begleitet zu werden
Nicht alle Fußerkrankten können Podologie verordnet bekommen - viele Fuẞkomplikationen sind „Privatvergnügen" und vom finan- ziellen Spielraum abhängig
Großer Gestaltungsspielraum innerhalb des Berufes, um gesund arbeiten zu können und die eige- nen Grenzen festzulegen
Es gibt keine Verpflichtung zur Mitgliedschaft in einer podologi- schen Interessenvertretung oder zu einer Kassenzulassung. Jedem Podologen und jeder Podologin steht es frei, sich aus dem System auszunehmen, mit allen Folgen für unsere Lobby und die soziale Leistungsgerechtigkeit

Quelle: Anja Stoffel

Welche Rolle spielt die Podologie?

Die gute Nachricht vorweg: Podologie ist ein zutiefst nachhaltiger Beruf. Soziale Fürsorge, Gesundheit und Wohlergehen, weniger Ungleichheit: Das alles sind Ziele, die bereits durch die Berufswahl und mit jeder Behandlung zur Umsetzung kommen. Ein genauerer Blick auf einzelne Ziele lohnt sich aber dennoch.

Einzelne SDGs in Bezug auf die Podologie

Keine Armut

Das Ziel „keine Armut“ hat nicht nur auf internationaler Ebene einen hohen Stellenwert, es betrifft auch die Podologie in Deutschland direkt. Denn: Alle Heilmittelerbringenden nehmen mit der Betriebsgründung einer Praxis wirtschaftliche Risiken auf sich und haften mit ihrem Privatvermögen. Das Ganze passiert nicht zum Selbstzweck oder aus Berufung, sondern erfüllt die Ziele unseres Sozialstaates. Dafür nehmen wir nicht wenige Rahmenbedingungen in Kauf und haben bereits mit der Ausbildung in der Regel rund 15.000 Euro investiert. Um diese Vorinvestition und das private Risiko ausreichend abzusichern, ist die wirtschaftliche Leistungserbringung für jeden einzelnen Podologen und Podologin eine Pflicht. Warum?

  • Wenn wir das private finanzielle Risiko vernachlässigen, haben wir im Schadensfall umsonst gearbeitet.
  • Im schlimmsten Fall ist Altersarmut die Folge. Die sozialen Podolog*innen von heute belasten damit die nachfolgenden Generationen, die für ihren Unterhalt aufkommen müssen.
  • Wer die Leistungen der GKV privat subventioniert, indem er oder sie unter dem Honorar der Krankenkassen arbeitet, verschärft mittelfristig den Fachkräftemangel. Honorare können nur nach oben verhandelt werden, wenn die Notwendigkeit dafür belegbar ist. Diese entfällt, wenn Arbeiten „unter Wert“ für Selbstzahlende mit dem gleichen Praxisstandard möglich ist.
  • Um der Podologie für die Zukunft den Rücken zu stärken, muss die Vergütung attraktiv für den Nachwuchs sein. Das gilt vor allem für Angestellte. Die Bruttoentgeltzahlen sprechen leider keine rosige Sprache, wenn man aktuelle Daten der Arbeitsagentur zugrunde legt (Abb. 2).
  • Unsere solidarische Honorargestaltung ist damit eine Art „Generationenvertrag“ mit unseren zukünftigen Kolleginnen und Kollegen. Je attraktiver die Vergütung wird, desto eher wird der Fachkräftemangel reduziert, Praxen können sich vergrößern, die Infrastruktur teilen und insgesamt mehr Patientinnen und Patienten versorgen. So leitet das Ziel „keine Armut“ direkt in das Ziel „Gesundheit und Wohlergehen“ über.

Gesundheit und Wohlergehen

Praxen können, abseits der offensichtlichen Leistungserbringung, noch weitere wichtige Beiträge zu diesem Ziel leisten.

Einen Praxis-Ethikkodex entwickeln, um die Ziele „Gesundheit und Wohlergehen“ und „Armut bekämpfen“ zu verbinden: Wenn das betriebswirtschaftliche Ergebnis stimmt, dürfen Ausnahmen die Regel sein. Hierzu ist es wichtig, Kriterien festzulegen, nach denen Behandlungen oder Behandlungsanteile verschenkt beziehungsweise subventioniert werden. Oder soll ein Arbeitstag im Quartal in einer besonderen Einrichtung zur Verfügung gestellt werden? Ob Aufklärung im Turnverein, Behandlungen für Obdachlose oder bei den Special Olympics. Wer möchte, kann solche Aktionstage zusätzlich zur Eigenwerbung und Öffentlichkeitsarbeit nutzen.

Quelle: Anja Stoffel/17ziele.de
Ideen für Gesundheit und Wohlergehen in der podologischen Praxis.

Die Gesundheit fördern: Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden ist in Zeiten von Fachkräftemangel und Arbeitsverdichtung wichtiger denn je. Gesundheit spielt hierbei eine zentrale Rolle, wobei richtiges betriebliches Gesundheitsmanagement in der Podologie noch eine untergeordnete Rolle spielt.

Aufeinander achten: Ein empathischer, kollegialer Umgang und die gegenseitige Beobachtung der Belastung und Arbeitsverdichtung sind existenziell. Darüber hinaus kann jede*r eigenständig Ideen zur Förderung von Gesundheit und Arbeitszufriedenheit entwickeln und einführen. Statt Bonuszahlungen vermitteln auch spezielle Gesundheits- und Vorsorge-Tage, an denen Arzttermine und Vorsorgeuntersuchungen stattfinden, Wertschätzung. Soziale Aktivitäten wie ein gemeinsames gesundes Mitbring-Buffet in der Pause oder ein Spaziergang mit den Kolleginnen und Kollegen nach dem Essen tun nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele und dem Betriebsklima gut.

Gesundheitskompetenz der Patientinnen und Patienten fördern: Die halbe Stunde während der Behandlung nutzen, um Gesundheitsthemen anzusprechen. Podolog*innen haben feine Antennen für den Zustand Ihrer Patientinnen und Patienten. Wir sind ein regelmäßiger Kontrollpunkt und können – ohne Kompetenzüberschreitung oder Belehrung – nachhaken: Wie lief die letzte Vorsorgeuntersuchung? Woran ist die (Fuß-)Pflege zu Hause gescheitert? Zudem kann man die Plauderrunde ganz einfach für „gute“ Themen nutzen: gesunde ­Rezepte, Bewegung an der frischen Luft, Gärtnern als Hobby. Es muss nicht belehrend oder schwergängig sein, über Dinge zu sprechen, die guttun. Das ist allemal schöner als Politik, Nachbarschaftsstreit oder Parkplatzprobleme.

Ökologische Faktoren

Um allen in Zukunft ein gutes Leben zu garantieren, gilt es auch unnötigen Ressourcenverbrauch zu reduzieren sowie Anschaffungen und Investitionen auf ihre Folgen hin zu überprüfen. Dieser Punkt ist durch gesetzliche Regularien nicht einfach zu verändern, doch schon kleine Anpassungen lohnen sich. Dazu gehört:

  • Müll vermeiden und entstehenden Müll trennen
  • Hygieneprozesse bei jeder Möglichkeit anpassen
  • Temperatur erhöhen, um desinfizierendes Waschmittel zu sparen (entlastet das Abwasser)
  • manuelle statt maschinelle Aufbereitung (spart Strom)
  • Stromverbrauch immer wieder auf den Prüfstand stellen und Ökostrom nutzen
  • Standzeiten verlängern statt Konzentration erhöhen (entlastet das Abwasser)
  • papierfreies Arbeiten etablieren

Mein Tipp: nachhaltige Geschenke – also Aktionen und Spenden statt Produkte und klassische Werbematerialien. Eine Patenschaft oder ein regionales Projekt haben zudem den Vorteil, dass nicht jedes Jahr wieder die Suche nach Geschenkideen beginnt.

Grafik: Bundesagentur für Arbeit
2 Bruttoverdienstzahlen Podologie (Stand Januar 2023).

Podologie ist nachhaltig

Wir sind ein zutiefst nachhaltiger Beruf. Unsere Priorität sollte es sein, uns selbst gesund und arbeitsfähig zu erhalten: Jeder Kollege und jede Kollegin, die durch Krankheit ausfällt, reißt ein Loch in die ohnehin prekäre Patientenversorgung.

Ein weiterer Auftrag ist die Sicherung unserer privaten Zukunft und damit einhergehend die Aufwertung der Attraktivität des Berufes: Mit einer angemessenen Vergütung wird nicht nur unser eigenes Risiko in Krankheit und Alter sowie die Belastung zukünftiger Generationen reduziert, sondern auch der Fachkräftemangel verringert. Und davon profitieren am Ende alle Menschen mit Fußbeschwerden: Eine höhere Podologendichte verbessert die (Fuß-)Gesundheit!

Foto: Ziele Bierdeckel Hessen
Wer selbst aktiv werden möchte, kann die Druckdaten für Plakate, Sprühschablonen und 17Ziele-Bierdeckel – auf Wunsch auch in Mundart – auf www.17ziele.de herunterladen oder sich als Botschafter*in für die 17 Nachhaltigkeitsziele engagieren.

Autorin
Anja Stoffel
info@podovision.de
www.podovision.de

Quellen
Quellen
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Foto: Eakrin/Adobe Stock
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